Zwischen Autonomie und Abhängigkeit
Wie viel Führung braucht ein Bienenvolk? Imker Paul Lukhaub geht der Frage auf den Grund.
Do 20. November 2025 von Paul Lukhaub BieneMenschNatur.49, Wesensgemäße Bienenhaltung
Nun, diese Frage ist kurz gedacht sehr einfach zu beantworten: gar keine. Denn die Bienen wissen selbst am besten, was sie wann und wie zu tun haben. Die Führung des Bienenvolkes braucht in erster Linie eine imkernde Person. Trotzdem ist, wenn man genauer hinschaut, die Führung für das Bienenvolk ebenfalls von überlebenswichtiger Bedeutung. Ob „Führung“ hier der richtige Begriff ist, darüber lässt sich nachdenken.
Wenn wir von Führung sprechen, denken wir oft an jemanden, der entscheidet, leitet, eingreift – Hierarchien, Kontrolle. Bei einem Bienenvolk liegt die Macht allerdings tief in den natürlichen Abläufen: Die Umweltbedingungen, Jahreszeiten, der Sonnenstand, die damit zusammenhängenden Prozesse im Volk des Aus-sich-hinausgehens und In-sich-zurückkehrens. Die Imkerin oder der Imker führt daher nicht wie ein Manager, sondern kann versuchen das Volk durch seine Eingriffe zu lenken. Dabei kann natürlich auch einiges fehlgeleitet werden, wenn der Imker das Volk nicht richtig „versteht“, daher sind Erfahrung und Aufmerksamkeit wichtige Faktoren. Kurz: Ein passenderer Begriff nach meinem Verständnis wäre Betreuung.
Zwischen Milbe, Klima und Landschaft
Doch wieso sollte man sich überhaupt damit beschäftigen, wenn die Bienen doch eigentlich selbst am Besten wissen, was sie wann und wie zu tun haben? Sind sie doch über Jahrtausende, Jahrmillionen auch ohne ausgekommen? Heutzutage liegen die Dinge eben anders. Die Einschleppung der Varroamilbe, die Konsequenzen aus sich verändernden klimatischen, aber auch strukturellen Bedingungen in der Landschaft sind schneller erfolgt als natürliche Evolutions- und Entwicklungsmechanismen greifen können bzw. einschneidender, als dass diese Mechanismen überhaupt noch Abhilfe schaffen könnten.
Die Überlebensfähigkeit der Bienen ist in dem heute vorzufindenden Gesamtgefüge eben nicht mehr so einfach und sicher, wie sie das vor vielleicht noch 100 Jahren gewesen ist. Das soll nicht heißen, dass damals nicht auch Völker eingegangen sind. Ob durch Krankheit, Hunger oder imkerliche Fehler spielt dabei keine Rolle. Die Völkerverluste, die es heute ohne entsprechende Betreuung gäbe, wären jedoch deutlich höher als damals.
Verantwortung tragen
Die Imkerin oder der Imker – ob nun im Hobby- oder Erwerbsbereich – trägt eine Verantwortung für die sich unter ihrem oder seinem Schutz befindlichen Völker. Im Vergleich zu anderen Haus- und Nutztieren gibt es hier jedoch einen großen Unterschied: Wenn es den übrigen nicht gut geht, lässt sich dies häufig sehr leicht festmachen an Symptomen, auffälligem Verhalten, und so weiter.
Bei den Bienen ist diese Kommunikation sehr viel subtiler. Auch hier gibt es deutliche Zeichen, aber diese gilt es lesen und verstehen zu lernen. Andernfalls sterben sie, ganz still und heimlich erlischt ihr Feuer. Dann bleibt der imkernden Person nicht viel übrig als mit von Fragezeichen umschwirrtem Kopf am leblosen Kasten zu stehen und sich zu fragen: Mein Volk ist tot, was hab‘ ich falsch gemacht?
Doch soweit soll es gar nicht kommen. Und hier sind wir an dem Punkt, wo auch dem Volk die Betreuung zugutekommt. Da jeder Eingriff eine Störung des Alltags im Bienenvolk bedeutet, ist von zentraler Bedeutung zu wissen wann, in welchem Ausmaß und wie häufig diese Störung vonnöten ist. Die Antwort auf diese Fragen fällt abhängig von der Erfahrung der Imkerin oder des Imkers und der Jahreszeit allerdings sehr verschieden aus. Um sich hier nicht in Details zu verlieren, wollen wir es dabei belassen.
Die Beute im Blick
Ein weiterer zentraler Punkt ist die Beschaffenheit der Behausung. Sowohl für die extensive als auch die intensive Bewirtschaftung gibt es dabei zentrale Eigenschaften, die für eine erfolgreiche Betreuung von großer Bedeutung sind. Ganz zuoberst steht eine Möglichkeit, die Milbenlast des Volkes abzuschätzen (eine Möglichkeit zur Kontrolle des natürlichen Milbenfalls sowie eine Möglichkeit zur Behandlung genügen hier im extensivsten Szenario). Von Vorteil kann es auch sein, einen Blick auf das Volk zu erhaschen. Wie ist der Futterstand? Ist soweit alles in Ordnung? Sind sie in Schwarmstimmung? Das sind meiner Meinung nach die Mindestanforderungen, um ganz extensiv betreuten Bienenvölkern z. B. in Klotzbeuten und Ähnlichem aus Sicht des Betreuers und Verantwortlichen gerecht zu werden.
Mit Blick auf intensivere Bewirtschaftungsformen, in denen es dann auch um die Gewinnung von Honig oder eine existenzielle Abhängigkeit von den Bienen geht, spielen Magazinbeuten eine zentrale Rolle. Diese sollten meiner Meinung nach so sein, dass sie den Bienen eine möglichst einräumige Behausung für das Brutgeschäft bieten, wie es beispielsweise in Einraumbeuten, Dadant oder Zander 1,5 gegeben ist.
Jedes System bringt dabei seine eigenen Vor- und Nachteile mit sich. Wichtig ist in meinen Augen eine möglichst einfache und schnelle Kontrolle. Das riecht zuerst mal nach Effizienz – Effizienz bedeutet in diesem Kontext jedoch auch eine Reduktion der Störung, sodass sie sowohl der Imkerin oder dem Imker als auch dem Volk zugutekommt.
Nun bin ich schön um die Eingangsfrage herumgeschifft! Trotzdem ist dieser Artikel für mich eine Antwort. Denn diese Frage ist nicht einfach mit drei Zeilen zu beantworten – der Sachverhalt ist komplex, und dementsprechend lautet die Antwort: So viel, wie nötig, und so wenig als möglich. Wie das im Einzelfall aussieht, hängt ab vom Imker, dem Volk, der Jahreszeit, der Wirtschaftsweise, den Umweltbedingungen und vielem mehr.