Der Bien und der Milb
Wir begeben uns auf die Spur der Varroamilbe – und wie sich diese im Laufe ihres Lebens parallel zur Biene entwickelt.
Do 20. November 2025 von Katrin Sonnleitner BieneMenschNatur.49, Varroa, Wesensgemäße Bienenhaltung
Das Bürgerliche Gesetzbuch führt vier Paragrafen über die Befugnisse von Imker*innen und die Eigentumsverhältnisse bei schwärmenden Bienenvölkern. Es listet die Bienen zwischen Wildtieren (§960) und Fundsachen (§965).
Auch meine Bienenhaltung begann, indem ich einen „herrenlosen“ Schwarm zu mir genommen habe. Seit ich ihn im Kasten in meinen Armen hielt, fühle ich mich für das warme, atmende Wesen verantwortlich, mehr als für ein Wildtier oder eine Fundsache.
Was bedeutet das für seine Pflege? Seine Mindestanforderungen beschreibt Mellifera-Imker Paul Lukhaub in seinem Artikel Zwischen Autonomie und Abhängigkeit und verweist auf Unterschiede zu anderen Haus- und Nutztieren. Für mich ist dabei vor allem ihre existentielle Einbettung in Landschaft und Jahreslauf bedeutsam. Ich wandere auf dem Grat, ihnen ein gutes Bienenleben zu ermöglichen und sie vor Menschen gemachten Unbilden zu bewahren.
Dazu gehört auch die Varroamilbe, die vor über 40 Jahren von ihrem ursprünglichen Wirt, der Östlichen Honigbiene auf „unsere“ Westliche Honigbiene gewechselt ist. Bis heute hat sich hier kein stabiles Parasit-Wirt-Verhältnis eingespielt. Das liegt mit daran, dass auf Bekämpfung gesetzt wurde, statt die Bienen dabei zu begleiten, ein gesundes Gleichgewicht zu etablieren. Welche Aufgabe hat „unsere Lieblingsmilbe“, wie Wolfgang Schmidt (biodyn. Imker in Österreich) sie nennt, die als invasiver Parasit in den Bienenstöcken lebt und sie bis zum Tod schädigt, indem sie eine Vielzahl von Viren überträgt? Wie kommen die Bienen, wie kommen wir mit ihr ins Reine? Dieser Artikel betrachtet das Milbenleben im Bienenleben.
„Milben zerreißen das sichtbare Gewebe, moderne Bienenhaltung das unsichtbare Band. (…) Sie führen aus, was wir angestoßen haben. Die Varroa-Plage erzeugt das Problem nicht, sie macht es sichtbar.“
Horst Kornberger, Autor von „Weltwunder Bienenstock: Von der Bienenkrise zur Ökologie des Mitgefühls“
Milbensex und Familienleben
Wie die Entwicklung des Bienenvolks an den Jahreslauf geknüpft ist, ist die der Milbe auf den Lebenszyklus der Bienen abgestimmt und äußerst fein organisiert. Ihre Vermehrung gelingt nur in verschlossenen Brutzellen. Weil ältere Ammenbienen schon mehr Pollen verzehrt haben, produzieren sie einen reichhaltigen Futtersaft und sind zuständig, die jüngsten Bienenlarven zu füttern. Und die Varroamilbe zu einer verdeckelungsreifen Brutzelle zu transportieren. Den Zustand erfährt die Milbe vom Duft der Larvenoberfläche, und sie steigt zu.
Wenn sie nach der riskanten Reise auf einer Biene in der Brutzelle landet, bleibt es gefährlich: Ohne von der Larve verletzt zu werden, muss sie sich zu ihrem Versteck am Zellgrund zwängen. Ist die Zelle verdeckelt und hat es die Milbe geschafft, sich mit der Larve in ihren Kokon einspinnen zu lassen, sticht sie sie so an, dass die heranwachsende Biene nicht zu stark verletzt oder geschwächt wird. Sie soll noch den Zelldeckel öffnen können, damit auch die Milben herauskönnen. Die Einstichstelle ist der Futterplatz der Milbenfamilie. Der zentrale Ort der Zusammenkunft liegt aber woanders, nämlich beim Kotplatz, den die Milbenmutter in der Nähe anlegt.
Ist die Kinderstube derart eingerichtet, legt die Mutter (etwa 60 bis 70 Stunden nach Zellverdeckelung) ein erstes, unbefruchtetes Ei, aus dem – wie bei den Bienen – ein Männchen schlüpfen wird. Der Ablageplatz liegt an der Vorderseite der Bienenlarve in einem oberen Zellwinkel, geschützt vor den entstehenden Beinen und Mundwerkzeugen der Biene. Es muss mit den Beinen der daraus schlüpfenden Nymphe zur Zellwand liegen, damit sie sich beim Schlupf aus der Eihülle ziehen kann. Dann kehrt die Muttermilbe zurück zum Kotpaket im hinteren Zellbereich. So schützt sie vermutlich die Eier.
Im 30-stündigen Abstand folgen fünf bis sechs befruchtete Eier, aus denen Milbentöchter schlüpfen, von denen nur maximal drei erwachsen werden und schließlich geschlechtsreif am Kotplatz eintreffen. Während eine Bienenkönigin die Begattung von mehreren Drohnen anstrebt, sparen sich Milben die aufwändige Partnersuche zugunsten von Inzucht. Jede Tochter paart sich mehrfach mit ihrem Bruder, bis ihre nächste Schwester kommt usw.. Dabei erhält eine weibliche Milbe rund 30 Spermien, die sie in der Samenblase für ihre etwa fünf bis sechs Reproduktionszyklen aufbewahrt.
Auf dem Bodenschieber lassen sich die Varroen gut erkennen. (Foto: Katrin Sonnleitner)
Störung und Ende des Familienidylls
Die Verwandlung der Vorpuppe zur Puppe vollzieht sich in turbulenten 30 bis 40 Minuten. Danach müssen sich die Milben wieder beim Kotpaket einfinden, die Mutter ein neues Saugloch in die Puppe bohren und zwischen den Beinen der Puppe Raum für die Familie schaffen. Nach insgesamt 21 Tagen endet die Vermehrung abrupt mit dem Schlupf der Biene. Nur erwachsene weibliche Milben sind jetzt überlebensfähig, andere Stadien sterben.
Die Eiablage verändert den Stoffwechsel der Muttermilbe: Sie benötigt nun innerhalb von vier Tagen Nahrung vom Fett-Eiweiß-Körper einer Larve, um zu überleben. Brutpausen der Bienen sind für sie tödlich. Begattete Tochtermilben, die noch keine Eier gelegt haben, können länger auf den Bienen von ihrer Hämolymphe überleben.
Auf ein gutes Miteinander
Die Milbenzahl kann sich im Bienenvolk etwa alle drei Wochen verdoppeln. Schaut man genau, liegt der Reproduktionserfolg in der Arbeiterinnenbrut jedoch bei bescheidenen 20 bis 30 Prozent. Wenn der Bien es also schafft, die Vermehrungsrate um diese 30 Prozent zu senken, ist die Koexistenz erreicht.
Ich bin überzeugt, es liegt an uns Imker*innen, den Bienen ein Leben mit Varroa zu ermöglichen. Wir müssen lernen, den Gesundheitszustand und die Fähigkeiten eines Bienenvolks realistisch zu beurteilen. Einzuschätzen, wie es mit den Milben umgeht und wann regulierende Eingriffe nötig sind. Ich feiere das Schwärmen der Bienen mit seiner Brutpause, und es ist mir sympathisch, wenn nach dem Schwarmakt Schwarm und Ursprungsvolk mit weniger aber den eigenen, ihnen bereits bekannten Milben und Viren weiterleben. Wenn sie so üppig mit eigenem Honig versorgt sind, dass sie sich nicht genötigt fühlen, sterbende Bienenvölker zu plündern und neue Milben und Viren nach Hause zu bringen. Vielleicht müssen erst wir Imker*innen ein bisschen varroatolerant werden?